Warum eine neue Wertschätzung
für Bäume nötig ist!

Als hätte man es geahnt: Kaum hat die Stadtverwaltung endlich einmal konkreter informiert, wie sie sich die Kaiserstraße in Reutlingens Oststadt vorstellt, wurde schon die Kettensägen gezückt und 9 Bäume umgelegt.

Musste das wirklich sein?

Ist dabei wirklich von unabhängigen Gutachtern die Baumgesundheit, unter Abwägung aller Vor- und Nachteile, sachgerecht geprüft worden? Wir haben da erhebliche Zweifel. Denn mit dem Totschlagargument „Verkehrssicherheit“ wird leider immer noch in vielen Städten der Innenstadtverödung Vorschub geleistet, ohne dass dies wirklich zwingend nötig wäre. Vielfach reicht schon eine einseitig vorgetragene Sorge aus, um zur Kettensäge zu greifen, wie Andreas Frey in einem Fachartikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ausführt („Stumpf und Schande“, 18. April 2021, S.53).
Dabei „sind Bäume extrem ungefährlich“, wie Steffen Rust von der Fakultät Ressourcenmanagement an der HAWK in Göttingen – dort lehrend im Studienfach Baumpflege und -kontrolle – in dem Artikel mitteilt. Die Wahrscheinlichkeit von einem Baum getötet zu werden, sei bei eins zu zehn Millionen. Also fast so selten, wie von einem Blitz getroffen zu werden.

Stadt und Gemeinderat sollten es eigentlich besser wissen

Ehemals durch Sträucher und Findling vor Hundeurin und mechanischen Schäden geschützter Baum in der Kaiserstraße. Gehweg und Straßenbelag drum herum sind völlig in Ordnung und nicht unebener, als das an anderen Stellen auch. Musste die Fällung wirklich sein?

Ehemals durch Sträucher und Findling vor Hundeurin und mechanischen Schäden geschützter Baum in der Kaiserstraße. Gehweg und Straßenbelag drum herum sind völlig in Ordnung und nicht unebener, als das an anderen Stellen auch. Musste die Fällung wirklich sein?

Jeder Baum und jedes Jahr, in dem er (noch) steht, ist ein gutes Jahr für das Stadtklima und für die einzige Alleenstraße in der Oststadt! Diese Überzeugung ist nicht neu. Verwaltung und Rat der Stadt müssten sich einfach nur die von ihnen selbst angefertigte Studie „Hitzestress und menschliche Gesundheit / Verwundbarkeitsanalyse für die Stadt Reutlingen“ aus dem Jahr 2020 ansehen, um zu verstehen, warum betroffene Bürgerinnen und Bürger in der Oststadt in sehr großer Sorge sind. Vor über 12 Jahren war dieses damals bereits kritisierte Vorgehen der Verwaltung ein Gründungsimpuls für den Arbeitskreis Oststadt.
Denn der Teil, in dem jetzt die Bäume fallen, gehört in der Studie mit zu den höchstbelasteten Gebieten hinsichtlich der Wärmeentwicklung im Stadtgebiet. Ganz zu schweigen von der Bedeutung der Bäume für Pflanzen, Tierwelt und den Klimawandel sowie letztlich auch im Standortwettbewerb mit „der grünen Wiese“ und anderen Kommunen.

Schon wieder ein schöner Plan aus dem nichts wird?

Nun werden also wiedermal schöne Versprechen gemacht: Frühestens in 2 Jahren, eventuell auch 5, oder doch erst in 10, soll alles besser und grüner werden, wenn denn noch Platz im Boden ist …
Wir sind gespannt, ob denn dann überhaupt noch Geld im Stadtsäckel ist, um nach der Sanierung des Hauptsammlers neben einer simplen Teerdecke wirklich eine so sehr gewünschte Baumbegrünung der Kaiserstraße vorzunehmen. Denn wenn man mal davon ausgeht, dass – wie von Herrn Valin geäußert – ein Baumquartier 15.000 Euro kostet, dann wäre bei 70 Bäumen – die noch vor vier Jahren entlang der Kaiserstraße standen – immerhin ein Betrag von 1,05 Mio. Euro fällig. Die enttäuschende Absage der bereits fest zugesagten und wohlgeplanten „grünen Achse Planie“ wegen klammer Kassen, lässt auch hier leider nicht wirklich Gutes erwarten.
Nach mehreren, mehr oder weniger fruchtlosen Bürgerbeteiligungsrunden, mit Rahmenplänen, gut moderierten Masterplänen, schwungvollen Begehungen und vagen Ankündigungen dürfte doch eins klar sein: Nur wenn Geld von außen kommt, einschließlich aller dann geltenden Abhängigkeiten, passiert etwas. Ob „bussige“ Gartenstraße oder „Übers-Knie-gebrochene“ Fahrrad-Charlottenstraße. Eine nachhaltige, dem ländlichen Standort Reutlingens gerecht werdende, oder gar „Großstädtische“ Kommunalpolitik sieht unser Ansicht nach anders aus.
So gesehen sollte auch weiterhin um jeden der angeblich 40.000 Bäume im Stadtgebiet gekämpft und ihnen endlich eine neue Wertschätzung entgegengebracht und erweiterte Pflege zu Teil werden!

Martin Dege, Wolfgang Kuhn und Sandra Lukaszevicz für den Arbeitskreis Oststadt

Leserbrief Neue_Wertschätzung für Bäume (PDF)