Mit Verboten kann man keine Zukunft gestalten

Bei einem zweiten Adhoc-Treffen des Arbeitskreis Oststadt (AKO) am 27. Juni, diskutierten die Sprecher*innen des Arbeitskreises die Reaktionen auf das erste AKO-Statement sowie die sich ergebenden Perspektiven und kritisierten die einseitige Fixierung auf die zunehmend restriktivere Verkehrsplanung in der Oststadt, die weit an den Bedürfnissen des Quartiers vorbeigehe.

 

Betrachtet man die Oststadt geschichtlich, dann ist sie das erste Start-up-Viertel der Stadt, das in der Gründerzeit entstanden und in den Sechziger- und Siebzigerjahren erfolgreich aus der Krise der Textilindustrie in einen zentralen Dienstleistungsstandort überführt wurde. Hier finden sich heute nicht nur große Institutionen, Schulen und Ämter, sondern ebenso häufig kleine Gewerbetreibende, Arztpraxen, Kanzleien, Architekten, Kreativschaffende sowie Cafés und Bars, neben Geschäften für die Nahversorgung. Nach Auskunft der Stadtverwaltung soll es sich um ca. 6.000 Arbeitsplätze handeln – mehr als in jedem anderen Gewerbegebiet der Stadt.

Durch die jahrelange, einseitige Fixierung auf das Thema Verkehrsberuhigung und Zugangsbehinderung droht nun laut Arbeitskreis Oststadt nicht nur der letzte Geist der Gründerzeit verloren zu gehen, sondern werden soziale Möglichkeitsräume dieses Mischgebiets verschenkt und ökonomische Entwicklungspotentiale verunmöglicht.

In der Oststadt geht es um sehr viel mehr als nur um Verkehrsberuhigung

Um sich den Fragen zeitgemäßer Stadtteilentwicklung zu widmen, hat sich der AKO mit verschiedenen Ansätzen der Stadtplanung beschäftigt. Erfolgreichen Konzepten gemein ist die Förderung von Offenheit bei der Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten, Vielfalt gegenüber verschiedenen Lebensstilen und Wertschätzung gegenüber den Belangen der lokalen Wirtschaft, Start-ups und Kultur. Nach Aussage von führenden Regionalökonomen wie bspw. Richard Florida, können Städte und Regionen nur dann mit wirtschaftlichem Wachstum rechnen, wenn die Faktoren „Technologie“, „Talent“ und „Toleranz“ gemeinsam auftreten und sich wechselseitig verstärken. Mit solchen Konzepten hat es bspw. die Stadt München nach einer Studie der europäischen Union 2019 geschafft, die „zweitkreativste Stadt Europas“ zu werden (1).

Der AKO ist davon überzeugt, dass diese Ansätze auch für die Oststadt einen zukunftsweisenden Handlungsrahmen darstellen. Gerade in einer Zeit des Strukturwandels, wie er in der Automobilindustrie stattfindet, der Alterung in der Gesellschaft und der aktuellen Corona-Krise sollten diese Kriterien allererste Priorität haben.

Durch die angekündigten Durchfahrtsbeschränkungen wie in der Charlottenstraße, die Platzierung von Pollern sowie neue Rechts-vor-Links-Regeln auf den verbleibenden Durchgangsstraßen wird aber nun nach Ansicht des AKO der Herzschlag dieses Viertels missachtet und so wirtschaftliches Überleben für viele Betriebe in der Oststadt auf Dauer erschwert. Die Sprecher des Arbeitskreises Martin Dege, Wolfgang Kuhn und Bärbel Meinhardt-Heuser erwarten daher weitere Abwanderungen an die Ränder, oder alternativ nach Tübingen und Metzingen. So geschehen bspw. bei einem führenden Versicherungsunternehmen, das viele Jahre mit mehreren Arbeitsplätzen in der Kaiserstraße vertreten war und heute seine regionale Hauptniederlassung nach Tübingen verlegt hat.

Das einstige Start-up-Viertel hat mehr verdient als nur Verbotspolitik

Zwar wird die bessere Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr durch die Umgestaltung der Gartenstraße weitestgehend positiv gesehen und man verspricht sich beim AKO von der Vergabe des Heinzelmann-Areals an die GIEAG zur Entwicklung von 87 Wohn- und 20 Gewerbeeinheiten auf 16.000 m² insgesamt belebende Effekte. Aber ohne eine gute Erreichbarkeit durch den überregionalen Individualverkehr, ohne ein emissionsarmes „Stadtviertel der kurzen Wege“ und ohne ausreichenden Parkraum ist eine Nutzungsmischung, die aus sozialen, ökonomischen und ökologischen Erwägungen geboten ist, nicht realistisch.

Die besonderen Aufgaben der Stadt zur Lösung des Luftreinhalteproblems in der Lederstraße und durch die gestiegenen Anforderungen des Klimawandels werden vom AKO unterstützt. Aber darüber hinaus fordert der Arbeitskreis, dass nach der eingetretenen spürbaren Entlastung durch den Scheibengipfeltunnel auch ein aktiver, ergebnisoffener Dialog der Verwaltung mit allen im Quartier ansässigen Betrieben, Selbständigen und Eigentümern geführt wird. Dabei sollten deren besondere Belange gewürdigt und von einer einseitig über deren Köpfe hinweg stattfindenden Verbotspolitik – die im übrigen auch außerhalb der bisherigen Bürgerbeteiligung steht – Abstand genommen werden.

Denn anders als in der Öffentlichkeit dargestellt, sehen die Sprecher*innen des AKO – selber engagierte Fahrradfahrer und Fußgänger – wichtige Verkehre zunehmend eingeschränkt: Eltern, die Ihre Kinder in die Schule fahren möchten; Patienten, die zu einer therapeutischen Maßnahme an- und abtransportiert werden wollen; Handwerker, die Werkzeug und Material bewegen müssen; Händler, die ihre Waren zum Abnehmer bringen wollen; Freiberufler und Dienstleister, die Außentermine mit aufgelaufenem Aktenmaterial wahrnehmen müssen; Berufsschüler, die an ihren Schultagen – bis vom Schwarzwald herkommend – anfahren müssen und viele mehr.

Getreu dem Motto „Leben, Arbeiten und Wohnen in der Oststadt. Die Mischung macht’s!“ tritt der AKO vehement für einen auch in Zukunft einladenden und vielfältigen Stadtteil ein.

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(1) Für eine Übersicht der Studienergebnisse zur Stadt München, siehe: „München – Standortfaktor Kreativität“, Referat für Arbeit und Wirtschaft, 2007. Für eine aktuelle Bilanz, siehe: „München ist die zweitkreativste Millionenstadt Europas“, W&V 14.10.2019

 

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