Arbeitskreis Oststadt legt neuen Fokus auf Klimaschutz und Sicherheit von Fußgängern.


Vor dem Hintergrund eigener Begehungen, Berechnungen und Quellenvergleiche erwartet der Arbeitskreis Oststadt (AKO) von der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat ein Umdenken und größere Anstrengungen für Klimaschutz und Fußgängersicherheit in der Oststadt.

Gefällter Baum Kaiserstraße Ecke Planie

Mancher Bewohner der Oststadt traute in den zurückliegenden Wochen seinen Augen und Ohren nicht: Alle Welt spricht vom Klimawandel und dem schlechtesten Zustandsbericht der Wälder um uns herum, und trotzdem wird in der Stadt Reutlingen weiter ersatzlos abgeholzt.

So auch in der Oststadt, in der mit 60 Bäumen entlang der Kaiserstraße, eine der wenigen Alleen in der Stadt zu finden ist. Deren Schutzwürdigkeit wurde im Gestaltungsleitbild – entstanden im Rahmen der Bürgerbeteiligung – mehrfach hervorgehoben. Allerdings wurde aus dem Baumbestand mittlerweile jeder zehnte Baum abgeholzt. (1).

Dies ist aber nicht nur aus optischen Gründen sehr beklagenswert und weil es im öffentlichen Raum ohnehin so wenig Bäume und Büsche gibt, sondern aus mehreren anderen, weitaus wesentlicheren Gründen:

1. Bäume wandeln durch Fotosynthese das klimaschädliche Gas Kohlendioxyd (CO2) in Sauerstoff (O2) und sind damit insbesondere in den Innenstädten unverzichtbare Sauerstoffspender. Fachleute gehen davon aus, dass ein alter, gesunder und großer Baum durchschnittlich pro Tag eine Sauerstoffmenge freisetzt, die 10 bis 20 Menschen pro Tag Luft zum Atmen gibt. „Neben den Weltmeeren kann man Bäume daher durchaus als die grüne Lunge der Erde bezeichnen.“ (2)

2. Ein Baum spendet Schatten, verhindert in seinem Umfeld das Aufheizen der Straße, bindet ca. 100 kg Feinstaub pro Jahr, gibt über die Blätter Feuchtigkeit ab, vermindert durch ausladende Kronen die Lärmbelastung und entwickelt so ein Kleinklima, das Innenstädte lebenswert macht. „Zu guter Letzt nutzen zahlreiche Vögel und Insekten die Bäume als Nahrungsquelle und Lebensraum.“ (3)

3. Durch das ersatzlose Fällen von Bäumen wird die Klimabilanz der Stadt geschwächt. Jeder Baum entzieht im Laufe seines Lebens der Atmosphäre mehrere Tonnen des klimaschädlichen Gases Kohlendioxyd (CO2) und lagert dies in seiner Holzmasse ein. Wird ein Baum – beispielsweise aus Gründen der Verkehrssicherheit – gefällt, aber dann nicht durch mehrere Jungbäume gleichwertig ersetzt, wird der CO2-Fußabdruck einer Stadt erhöht. Allein durch das ersatzlose Abholzen von sechs Robinien in der Kaiserstraße verschlechtert sich die jährliche Klimabilanz der Stadt um bis zu 15 Tonnen CO2. (4)

Bäume sind die grünen Lungen der Innenstadt

Grafik Baumbestand Kaiserstraße 2021.jpg

Spricht man hierüber mit Fachleuten aus dem Garten- und Landschaftsbau, werden viele Beispiele genannt, wo aus vermuteten finanziellen Gründen fragwürdige
Abholzungen genehmigt wurden, ohne für gleichwertigen Ersatz zu sorgen. „Der Natur größter Feind ist die öffentliche Hand“, heißt es dazu achselzuckend. Außerdem wird befürchtet, dass zukünftig durch die knappen Kassen weniger Mittel für Baumschnitt und Laubentfernung bereitgestellt werden.

Mit Blick auf den Klimawandel und den Schutz einer lebenswerten Oststadt fordert daher der Arbeitskreis Oststadt (AKO) die umgehende gleichwertige Nachpflanzung aller in der Oststadt gefällten Bäume aus den letzten Jahren. Bei Straßen, in denen in absehbarer Zeit Baumaßnahmen oder Kanalsanierungen erforderlich werden, fordert der AKO diese Nachpflanzungen so auszuführen, dass sowohl der Bestand als auch die Neupflanzungen durch zukünftige Bautätigkeiten nicht gefährdet werden.

Auch bei der Bearbeitung von privaten Anträgen zum Fällen von Bäumen erwartet der Arbeitskreis ein Umdenken. Gartenbesitzer sollten aktiv beraten und dabei der Wert des Baumes aufgezeigt werden. Genehmigungen sollten nicht mehr – wie nach Recherchen des AKO vorkommend – nach Aktenlage und häufig ohne Inaugenscheinnahme erteilt werden, sondern erst nach Begehung und eingehender Folgenabschätzung.

Fehlende Sicherheit durch Nichtinstandsetzung der Beleuchtung

Schadhafte Straßenlaterne Planie vor IKG

Zwar erhöht sich in den Sommermonaten endlich wieder durch die längeren Tage das Gefühl von Sicherheit, aber in vielen Gesprächen äußern verschiedene Passanten, insbesondere wegen der lückenhaften und dürftigen Beleuchtung, nachts froh zu sein, nicht durch die Planie gehen zu müssen.

Anfang Februar wandte sich deswegen der AKO an die Stadtverwaltung und machte diese wiederholt auf die schadhafte und schlecht gewartete Ausleuchtung der Fußwege und des Bürgersteigs in der Planie aufmerksam. Die erhaltene Antwort kann getrost als bürgerfern bewertet werden: Wird bspw. eine Straßenlampe im Winter über viele Monate entfernt, ist dies keinerlei Information an die betroffenen Anwohner wert.

Während einerseits angekündigt wird, dass „alle Straßenleuchten turnusgemäß geprüft und gewartet“ werden und bei ausgefallenen Leuchten „schnellstmöglich wieder instandgesetzt“ wird, zeigt die Erfahrung, dass bei ausgefallenen Leuchten monatelang nichts passiert und erst auf direkten Hinweis von Anwohnern, möglichst noch mit Standortbeschreibung, reagiert wird (5).

Der Arbeitskreis Oststadt erwartet auch hier mehr Aktivität seitens des Gemeinderats und der Stadtverwaltung. Es reicht nicht aus, einerseits öffentlichkeitswirksam Studien wie Fußverkehrs-Checks zu beauftragen und bei Begehungen den Autoverkehr zu kritisieren, aber andererseits bei der Ausleuchtung auf den Wegen in der Planie passiv zu bleiben und sich mit der Aussage der Unvermeidbarkeit von „einzelnen Ausfällen der Straßenbeleuchtung“ aus der Verantwortung für die Gestaltung eines attraktiven Straßenraums zu stehlen.

Nicht nur Fahrräder sind Teil des Verkehrs – auch Rollatoren und Rollstühle

Ein weiterer Aspekt für eine vielfältige und lebensnahe Oststadt ist in den angebotenen Verkehrswegen für Senioren zu sehen. Deren Beweglichkeit ist häufig
eingeschränkt, was eine stolperfreie Ausgestaltung der Bürgersteige und Wegeoberflächen erforderlich macht. Dies ist insbesondere im Umfeld einer Grünanlage wie der Planie von besonderer Bedeutung, da diese zu den beliebtesten Aufenthaltsorten gehört.

Nach Ansicht des AKO reicht es nicht aus, sich hier lediglich mit „einem ausreichend verkehrssicheren Zustand“ zufrieden zu geben, sondern bedarf es gezielter und praxistauglicher Lösungen zur Verbesserung des Wegebelags, aber auch zur Rekultivierung von bereits entfernten Sitzgelegenheiten in der Planie.

Der Arbeitskreis Oststadt fordert daher zusammenfassend

1. Mit Blick auf den Klimawandel und den Schutz einer lebenswerten Oststadt die umgehende gleichwertige Nachpflanzung aller in der Oststadt in den letzten Jahren gefällten Bäume.

2. Aufbesserung der Beleuchtung in der Planie, Ersatz schadhafter Gläser, das Schließen von Lichtlücken und die Einhaltung dichterer Wartungsintervalle, insbesondere in der dunklen Jahreszeit.

3. Senioren- und behindertenkonforme Reparatur der Wegeoberflächen in der Planie, Überprüfung der Bürgersteige und Bordsteinkanten auf Rollator-Tauglichkeit sowie die Schaffung weiterer Sitz- und Verweilmöglichkeiten für Senioren.

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(1) siehe Markierungen Karte/Anhang, Quelle Karte: ISA Stuttgart, Stadt Reutlingen, Gestaltungsleitbild Oststadt-Straßenraum, 30.05.2018
(2) https://www.garten-treffpunkt.de/lexikon/baeume.aspx#wald_klimawandel_oekosystem
(3) Klein, D.; Schulz, C. (2011): Kohlenstoffspeicherung von Bäumen. LWF-Merkblatt Nr. 27
(4) https://www.cermeter-pflanzen.de/2018/12/22/wie-viel-co2-nimmt-ein-baum-auf/
(5) Lampenzählung Stand vom 08.04.2021: Von 30 Lampen(-standorten) sind 3 komplett aus, 1 schadhaft und 1-2 fehlen ganz.
Siehe auch beigefügtes Bildmaterial.